Biografische Informationen

Was die Quellentexte berichten

Statue der Päpstin? *

Unabhängig davon, ob man die Päpstin als reale Figur der Geschichte oder als Legende ansieht, können bei den Chronisten und in Quellentexten einige Informationen gefunden werden. Diese erlauben es, die Biografie in groben Zügen zu rekonstruieren.

Wer daran glaubt, dass es sich bei der Figur Johannas um eine Legende handelt, dürfte eigentlich nur die Informationen bei Martin von Troppau verwenden.

Um das Bild zu vervollständigen werden auch hier Quellen herangezogen, welche von der realen Existenz einer Päpstin ausgehen und die Beschreibung des ungenannten Papstes im Liber Pontificalis als Teil der Biografie von Johanna ansehen.


* Anmerkung zum Bild:
Statue einer Frau im Papstgewand und mit Schlüssel. Aussenfront von St. Peter.
Offiziell soll entweder ein Papst aus dem Frühmittelalter oder aber die Personifikation der Kirche dargestellt sein.


Kindheit und Jugend

Ein hochbegabtes Mädchen

Nach dem Liber wurde Johanna in Mainz geboren. Ein Geburtsjahr ist nicht bekannt. Aufgrund ihrer Karriere und der Schwangerschaft (wohl vor dem 40. Altersjahr) kann man ausrechnen, dass sie im Zeitfenster zwischen 825 und 830 geboren worden sein dürfte.
Wegen ihres Beinamens Anglicus wurde angenommen, ihre Eltern seien Missionare aus England gewesen, die im Zuge der Christianisierung Deutschlands dem Ruf von Bonifatius gefolgt waren.

Gemäss Liber Pontificalis wurde sie von ihrem Vater mit den sieben freien Künsten vertraut gemacht. Diese sieben Studienfächer aus der Antike galten auch im Frühmittelalter als Vorbereitung für Studien in Theologie, Jurisprudenz und Medizin. Sie bestanden aus dem Trivium (Grammatik, Rhetorik und Dialektik) und dem Quadrivium (Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie).

Halten wir uns an die Quellen, so muss davon ausgegangen werden, dass Johanna schon früh durch ihre grosse Begabung auffiel.

Studienzeit

Johanna gibt sich als Mann aus

Ihre Kenntnisse zu vertiefen und ihre Gelehrsamkeit zu erweitern war nur möglich bei Mönchen.
Die junge Frau gab sich darum als Mann aus und trat in ein Männerkloster ein, vermutlich in Fulda.

Eine Verkleidung war bei den Kleidersitten im Frankenreich relativ einfach, unterschieden sich Bekleidungen und Haartracht nur geringfügig zwischen Männern und Frauen: Die Tunika wurde gekürzt und weiter am Bein hochgerafft, die Haare geschnitten und in einer Art Pagenschnitt oder «Beatles-Pilzkopf» frisiert und schon war die männliche Erscheinung da.

Päpstin Johanna
G. Boccaccio, Berühmte Frauen
Im Falle von Johanna war zudem ein päpstliches Edikt aus dem frühen 9. Jahrhundert hilfreich. Dieses hielt fest, dass Priester und Mönche der lateinischen Kirche (im Unterschied zur griechischen Kirche) glattrasiert zu sein hatten.
Mit der damals üblichen Tonsur und in einer Mönchskutte konnte sie vermutlich recht einfach im Kloster untertauchen.

Lehr- und Wanderjahre

Athen und Rom

Martin von Troppau berichtet zudem, dass Johanna mit ihrem Begleiter nach Athen ging und dort weiter studierte.
Warum Athen und nicht Konstantinopel? Der byzantinische Kaiser Leo V. hatte 815 die zweite Phase des Bilderstreites eingeleitet. Zuvor hatte die Kaiserin Irene (die Anastasius im Brief an die Päpstin erwähnt) die Verehrung von Ikonen wieder erlaubt, sie war demnach in dieser Frage liberal eingestellt. Irene stammte aus Athen. Es kann davon ausgegangen werden, dass in Athen generell ein liberalerer Geist herrschte, ideal zum Studieren.

Nach ihren Studien in Athen gelangte Johanna nach Rom. Dort lehrte sie in der Santa Maria in Schola Graeca (heute Santa Maria in Cosmedin) das Trivium, also die drei sprachlichen Fächer der Sieben Freien Künste.
Diese Kirche steht heute noch und zwar nach wie vor in der Bausubstanz des 9. Jahrhunderts. Heute wird sie Santa Maria in Cosmedin genannt und ist vielen bekannt wegen der sogenannten Boca della Verità. Noch heute ist es eine griechisch-katholische Kirche für den Kardinal-Diakon.

Mitarbeiter und Vertrauter des Papstes

Das Liber Pontificalis berichtet, dass der ungenannte Papst unter Sergius II. zum Sub-Diakon ernannt worden war. Papst Leo IV. erhob ihn zum Kardinal-Diakon. Diese Karriereschritte entsprechen den Beschreibungen bei jenen Chronisten, die von Johanna berichten.

Leo IV. starb ca. 853 und Benedikt III. wurde als Nachfolger gewählt.
Der Kardinal-Diakon Johannes hat gemäss den Dokumenten eine bedeutende Rolle in der päpstlichen Verwaltung gespielt.
Seine herausragenden Fähigkeiten waren bei Klerus, Adel und Volk in Rom anerkannt und geschätzt.

Weiter berichtet das Liber Pontificalis, dass Papst Benedikt III. nicht ohne seinen Favoriten Johannes sein konnte und ihn seiner eigenen Familie vorzog.
Der lateinische Text impliziert eine enge emotionelle Beziehung. Man kann darüber spekulieren, ob Benedikt III. wusste, dass sein Vertrauter eine Frau, eben Johanna, war.

Überraschender Karriereschritt

Nach dem Tode von Papst Benedikt III. leitete der Kardinal-Diakon Johannes - oder eben Johanna - die Feierlichkeiten für seine Bestattung.

Statue St. Peter. Detail
Detail Statue
Vermutlich überraschend wurde sie vom Volk als sein Nachfolger im Papstamt gewählt.
Johanna scheint dieses Amt nicht angestrebt zu haben. Sie versteckte sich im Lateranpalast und wurde von der Volksmasse regelrecht auf den Papstthron gehoben.
Der neue Papst wählte den Namen Johannes VIII.

Erst spätere Chronisten unterstellen Johanna, sie habe sich mit Schwarzen Künsten auf den Papstthron gehievt.
Die früheren Quellen betonen das Gegenteil: Sie hatte das Amt nicht angestrebt. – Die Papstwahl war gleichsam eine Art Panne in der angestrebten Karriere als Intellektuelle.

Krönung mit hochrangigen Teilnehmern

Apsis des Leoninischen Tricliniums
Leonisches Triclinium, Lateran

Bei der Krönung Johannas zum Papst Johannes Anglicus waren wichtige Gäste aus dem nördlichen Europa zugegen: Der neue Karolingische Kaiser Ludwig II. sowie Æthelwulf von Wessex, ein englischer Lokalkönig.
Neu gewählte Päpste benötigten die Zustimmung des Fränkischen Kaisers (Interventionsrecht). Ludwig II. scheint ihr die Zustimmung zum Papstamt gegeben zu haben; er selber war zwar Kaiser, weil sein Vater abgedankt hatte, jedoch war er noch nicht sakral gekrönt durch den Papst.
Anders ausgedrückt: Johannes Anglicus (Johanna) und Ludwig II. waren politisch aufeinander angewiesen.

Das Liber Pontificalis beschreibt auch eine Bankettepisode, die Hinweise darauf enthält, dass Ludwig II. gewusst haben dürfte, dass es sich beim neuen Papst um eine Frau handelte.
Päpstliche Bankette fanden üblicherweise im Triclinium auf dem Lateran statt. Dieses besondere Bankett wurde hingegen im Feldlager von Ludwig II. gegeben.

Die sakrale Krönung von Ludwig II. dürfte Päpstin Johanna im Jahr 856 vollzogen haben.
Im gleichen Jahr empfing sie auch Aethelwulf von Wessex, welcher grosszügige Schenkungen an den Heiligen Stuhl machte. Dies berichten Chroniken (Magdeburger Zenturien).

Liturgiereform

Spätestens im Sommer 856 muss Aethelwulf Rom verlassen haben, denn er zog ins Westfrankenreich und heiratete dort am 1. Oktober 856 Judith, die Tochter von König Karl II. dem Kahlen.

Stiftskirsche Borghorst
Stiftskirche Borghorst
Erbaut 968-989

Für die folgenden Jahre fehlen exakt datierbare Ereignisse. Einige Theologen (Spanheim, Morris) vermuten, dass die Päpstin für die wichtige Liturgiereform zeichnen könnte.

Auf Wunsch von Kaiser Karl dem Grossen sollte der Gallikanische Ritus im Norden des Frankenreiches reformiert und dem Römischen Ritus angepasst werden. Alle Päpste aus dieser Zeit gehörten dem Stadtrömer Klerus an, sie kannten also ausschliesslich den lokalen Römischen Ritus. Etwa in der Mitte des 9. Jahrhunderts entstand endlich der von Karl dem Grossen gewünschte Mischritus. Er kombinierte Elemente des Gallikanischen und des Römischen Ritus auf theologisch durchdachte und elegante Weise.
Sowohl Friedrich Spanheim als auch Joan Morris vermuten mit guten Argumenten, dass Päpstin Johanna für diese Reform verantwortlich sein könnte. Als einziger Papst stammte sie aus dem Norden und kannte daher den nördlichen Gallikanischen Ritus. Zudem fiel ihr Pontifikat in eine Phase relativer politischer Ruhe.
Ihre Vorgänger und Nachfolger waren oft mit anderen Problemen beschäftigt:
Leo IV. musste die Sarazenen abwehren und liess zu diesem Zweck die leoninische Mauer bauen.
Über Benedikt III. sind wenige Details bekannt. Spanheim hielt ihn für einen intellektuell wenig beweglichen Mann.
Der Nachfolger von Johannes Anglicus alias Päpstin Johanna war Papst Nikolaus I. Er stritt sich mit Ludwig II. heftig darum, wer die Vormacht hat, der Papst oder der Kaiser. Der Streit gipfelte darin, dass der Kaiser 864 Rom belagerte. Auch in kirchlichen Angelegenheiten ging er auf Konfrontation: mit den Orthodoxen stritt er sich um die Missionierung der Slawen. Seine theologischen Werke wurden in späterer Zeit als Häresie verdammt.

Somit dürfte Päpstin Johanna am ehesten für die wichtige Liturgiereform verantwortlich sein. Diese neue Liturgie bestand im ganzen Mittelalter und wurde während der Gegenreformation lediglich leicht angepasst.
Im Kern blieb der angepasste Ritus der Liturgie bis zum zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) bestehen, wie in der Fachliteratur postuliert wird.

Unrühmliches Ende

Der Tod der Päpstin nach einem rund zweieinhalbjährigen Pontifikat ist nur bei den Chronisten des Hochmittelalters und später belegt.

Päpstin. Illustrierte Ausgabe von G. Boccaccio, De Claris Mulieribus
G. Boccaccio
De Claris Mulieribus

Demnach soll sie während einer Prozession von St. Peter zum Lateran eine Sturzgeburt erlitten haben und noch auf der Strasse verstorben sein.

Es wird vermutet, dass die Päpstin während der Osterprozession verstarb. Das Datum des Osterfestes richtet sich nach dem Mondkalender; demnach könnte die Päpstin an Ostern Anfang März 858 verstorben sein.

Der Prozessionsweg von St. Peter zum Lateran wird immer noch benutzt.
Auffallenderweise wird seit dem Mittelalter ein Abschnitt davon vermieden und stattdessen ein seltsamer Umweg genommen.

Nachwirkungen

Der Nachfolger von Johannes Anglicus / Johannes VIII. / Päpstin Johanna war Nikolaus I.
Nach offizieller Kirchengeschichte wurde er am 24. April zum Papst gewählt. Dies würde etwa dem Monat Sedisvakanz entsprechen, von welchem Martin von Troppau berichtet.

Schrein der Päpstin
«Schrein der Päpstin»

Nahe der Stelle, wo Päpstin Johanna gestorben sein soll, steht ein kleiner Marienschrein. Allgemein ist er bekannt unter dem Namen «Schrein der Päpstin». Es soll dort eine Statue der Päpstin mit dem Kind im Arm gegeben haben. Noch Martin Luther hatte diese auf seinem Rombesuch als Augustinermönch gesehen. Im Zuge der Gegenreformation wurde sie entfernt und soll in den Tiber geworfen worden sein.


Würdigung

Was wissen wir über Päpstin Johanna sonst aus den Quellentexten?
Im Vergleich zu anderen Päpsten jener Epoche relativ viel. Gemäss Liber Pontificalis wird der ungenannte Papst - Johanna - als schön im Aussehen und schicklich im Verhalten beschrieben.
Kaiser Ludwig II. war begeistert von ihren herausragenden kommunikativen Fähigkeiten.
Das Liber Pontificalis beschreibt zudem den Namenlosen als frommen und bescheidenen Mystiker, der sich grosszügig um die Armen, um Witwen und Waisen gekümmert habe.
Andere Chronisten bescheinigen dem Unbenannten – oder eben: der Päpstin - diese Fähigkeiten ebenfalls.
Das Pontifikat der Päpstin Johanna war, selbst nach heutigen Massstäben, vorbildlich. Doch sie war eine Frau.


Quellen

Bild «Statue Frau mit Papstkrone und Schlüssel»: Aussenfront St. Peter. © M. E. Habicht
Bild «G. Boccaccio. Berühmte Frauen»: Päpstin Johanna als Nr. 51 der Berühmten Frauen von Giovanni Boccaccio. Buchillustration aus dem 16. Jahrhundert. Bibiliothèque Nationale de France. Gemeinfrei
Bild «Leonisches Triclinium»: Apsis des Leonischen Tricliniums auf dem Lateran. © M. E. Habicht
Bild «Stiftskirche Borghorst»: Ehemaliges Stift Borghorst. Erbaut 968-989, 1885 abgerissen. Gemeinfrei
Bild «G. Boccaccio. Päpstin»: Giovanni Boccaccio, De Claris Mulieribus. Illustrierte Ausgabe. Gemeinfrei Buchillustration Martin von Troppau. Gemeinfrei
Bild «Schrein der Päpstin»:Schrein an der Via dei Santi Quadri, Rom. Die Strasse rechts führt zum Lateran. © M. E. Habicht