Das Frühe Mittelalter

Historischer Kontext

Am Weihnachtstag des Jahres 800 krönte Papst Leo III. Kaiser Karl den Grossen zum Kaiser über das Karolingerreich. Dieses Ereignis ist vielen bekannt.
Das 9. Jahrhundert ist reich an weiteren Ereignissen, die in der Regel mehrheitlich unbekannt sind.

Das Pontifikat von Päpstin Johanna wird für die Mitte des 9. Jahrhunderts vermutet.
Für die Antwort auf die Frage, ob sie tatsächlich eine historische Figur sei, sind einige Informationen über diese Zeit wesentlich.

 

Das Karolingische Reich

Nach dem Untergang des Weströmischen Reiches hatte Karl der Grosse das Frankenreich zu einem Grossreich gemacht. Am Weihnachtstag des Jahres 800 n. Chr. war er von Papst Leo III. zum Kaiser gekrönt worden.

814 starb Karl der Grosse – die allmähliche Auflösung des Reiches setzte ein.

Nachfolger wurde sein Sohn, Ludwig I., auch Ludwig der Fromme genannt. Der Erbe der Kaiserkrone regierte von 813 bis 840. In dieser Zeit wurde er von seinen eigenen Söhnen zweimal abgesetzt und wieder als Kaiser eingesetzt, konnte aber den Zerfall des Reiches nicht aufhalten.

Ludwig I. starb 840. Nachfolger wurden seine Söhne Lothar, Karl der Kahle und Ludwig II. Lothar als Ältester erbte direkt nach dem Tode seines Vaters die Kaiserwürde.

Im Vertrag von Verdun, 843 geschlossen, wurde das Karolingische Grossreich unter den Söhnen Karls des Grossen aufgeteilt: Lothar übernahm das Mittelreich, welches von der Nordsee bis nach Italien reichte (grün). Karl der Kahle wurde Herrscher über das Westfrankenreich (blau) und Ludwig II. das Ostfrankenreich (orange und gelb), weshalb er auch Ludwig der Deutsche genannt wird.

Obschon der Vertrag von Verdun nur kurzen Bestand hatte, ist sein Einfluss auf die politische Gliederung Europas gewaltig. Die späteren Nationalstaaten begannen sich zu bilden: Das Westfrankenreich wurde zu Frankreich, das Ostfrankenreich zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation und das Mittelreich lebte noch lange fort im Burgundischen Einflussgebiet.

Das Mittelreich

Im Jahre 855 dankte Lothar I. ab. Das Mittelreich wurde unter seine drei Söhne aufgeteilt.

Italien und der abhängige Kirchenstaat gingen an den ältesten Sohn Ludwig II., der auch die Kaiserkrone erbte. Um als Kaiser gekrönt zu werden benötigte er den Segen des Papstes.
Im Jahre 856 bestätigte Ludwig II. den neu gewählten Papst in seinem Amt und wurde seinerseits von einem Papst Johannes sakral gekrönt.
Die Namenszüge der beiden sind auf einer sogenannten Kombinationsmünze zu finden.

Bedrohung von Süden

Karolingische Bogenschützen-Reiter
Karolingische Bogenschützen-Reiter
Der Kirchenstaat wurde durch muslimische Piraten bedroht. In den 840er Jahren – Papst Leo IV. war im Amt – hatten sie sogar Rom angegriffen und St. Peter geplündert. Die Kirche lag damals ausserhalb der Stadtmauern.

849 gelang Papst Leo IV. ein grosser Sieg über die Sarazenen in der Seeschlacht bei Ostia.

Die christlichen Fürsten in Italien konnten dank diesem Sieg die islamische Invasion beenden und die Invasoren vertreiben. 847 hatten diese das Emirat von Bari errichtet, welches 871 fiel.

Thronfolge

Ludwig II. und seine Frau Engelberga hatten lediglich Töchter als Nachkommen. Mit dem Tod des Kaisers 875 erlosch darum die italienische Linie des Frankenreiches.
Die Kaiserwürde ging nun auf Karl II. den Kahlen über, der Herrscher des Westfrankenreiches war.

 

Papst und Kaiser

Der Kirchenstaat des Papstes war bereits in der Zeit von Karl dem Grossen unter die Oberherrschaft des Frankenreiches gekommen und fiel nach der Aufteilung von Verdun an das Mittelreich.
Das Verhältnis von Papst und Kaiser entwickelte sich zu gegenseitiger Abhängigkeit: Der Papst musste vom regierenden Kaiser bestätigt werden (Interventionsrecht). Im Gegenzug war jeder neue Kaiser vom Wohlwollen des Papstes abhängig um sakral gekrönt und damit legitimer Kaiser zu werden.

Gemäss Quellen hat ein Papst Johannes im Jahre 856 Ludwig II. zum Karolingischen Kaiser gekrönt, nachdem dieser vorher den neu gewählten Papst bestätigt hatte.
Es gibt Münzen aus der Zeit mit dem Monogramm eines Papstes Johannes und dem Namen von Kaiser Ludwig II.
Diese Information ist für die Anerkennung der Päpstin von entscheidender Bedeutung.

Ruhigere Phase

Zwischen 855 und etwa 863 war es politisch ruhiger. Vermutet wird, dass Päpstin Johanna in dieser Zeit ihr Pontifikat ausübte, wohl etwa von 855 oder 856 bis etwa 858.
Nikolaus I. (Papst vom 24. April 858 bis zu seinem Tod im Jahr 867) wurde von Kaiser Ludwig II. favorisiert, doch schon bald kam es zum offenen Streit zwischen diesen beiden. Die militärische Belagerung von Rom bildete den Höhepunkt der Kontroverse.
Immerhin wurde eine Einigung erzielt, aber Ludwig II. war während der Folgejahre permanent in Kämpfe auf süditalienischem Gebiet verwickelt.

Zerfallserscheinungen im Kirchenstaat

Auch das Papsttum begann zu wanken. Johannes Anglicus hatte als Papstname Johannes VIII. gewählt und war – so zeigen es die derzeitigen Erkenntnisse – eine Frau, somit das Pontifikat ungültig.

Sein Name wurde «wieder frei» und von 872 bis 882 herrschte erneut ein Johannes VIII. Dieser Papst war der erste in christlicher Phase, der gewaltsam zu Tode kam. Die Chronisten sind sich nicht einig: Entweder starb er im Kampf gegen die Sarazenen oder aber er wurde von der eigenen Verwandtschaft mit einem Hammer erschlagen.

Mit Papst Sergius III. begann 904 in Rom die Zeit der Pornokratie. Sie dauerte bis 963. Die Päpste hielten sich Kurtisanen, welche die wirkliche Macht ausübten. Sie liessen Päpste auch einkerkern oder wie Johannes X. ermorden und setzten ihre illegitimen Kinder auf den Papstthron.

Johannes XII. wurde als Jugendlicher von rund 16 Jahren zum Papst gemacht. Er rief den Ostfränkischen König Otto I. zu Hilfe und krönte diesen 962 zum Kaiser. Somit hielt nun das Ostfränkische Reich die Kaiserwürde; später wurde es zum Deutschen Kaiserreich.
Papst Johannes XII. hat einen schlechten Ruf bei den Chronisten. Der Lateran wurde unter seiner Herrschaft als Hurenpalast bezeichnet, er soll Schwarze Messen gefeiert haben, Leute seines Hofstaates ermordet und viele weitere Untaten begangen haben.
Selbst wenn diese propagandistischen Quellentexte kritisch betrachtet werden dürfte Johannes XII. ein erbärmlicher Papst gewesen sein. Dennoch ist er in der Liste der Päpste geblieben – amtsunwürdig zwar, aber immerhin ein Mann.

 

Kein funktionierender Zölibat

In der Praxis des frühen Mittelalters war der Zölibat oft kaum durchzusetzen. Zwar gab es die Regelung, dass Priester nicht verheiratet sein sollten. In der Realität hielt sich ein beträchtlicher Teil der Geistlichen nicht an die Vorschrift. Eine Strafe war nicht vorgesehen. Allerdings musste die Kirche auch nicht für Ehefrauen und allfällige Kinder sorgen.

Es gab aber auch die Möglichkeit, dass die Ehe eines verheirateten Mannes nach der Priesterweihe weiter bestehen konnte, aber sexuell enthaltsam gelebt werden musste. - Eine elegante Lösung bei einer unglücklichen Ehe, die ja nicht aufgelöst werden durfte.

Die Kirche war erst im Laufe des 11. Jahrhunderts in der Lage, der Forderungen nach Ehelosigkeit Nachdruck zu verschaffen.
Definitiv verbindlich war er erst nach dem Zweiten Laterankonzil von 1139.

Papstsitz

Papstkapelle im Lateran
Papstkapelle im Lateran
Sicher bezeugt im 9. Jahhrundert;
damals Hauskappelle des Papstes
Der Papst ist auch Bischof von Rom. Kathedrale des Bistums Rom ist die Lateranbasilika San Giovanni in Laterano.

Die antike Kirche wurde zunehmend baufällig. Ab 1646 wurde sie vom Tessiner Baumeister Francesco Borromini stabilisiert und im barocken Stil ausgebaut.

Neben der Kathedrale stand der mittelalterliche Papstpalast. Papst Leo III. (Pontifikat 795-816) liess einen Speisesaal errichten, das Leonische Triclinium. Auch spätere Päpste haben darin ihre Festessen abgehalten. Vom Tricilinium steht heute nur noch die Apsis mit prachtvollen Mosaiken aus der Zeit um 800.

In den ersten Jahrhunderten war die Vorrangstellung des Papstes innerhalb der Kirche noch nicht selbstverständlich. Mitte des 8. Jahrhunderts bat Papst Stephan II. den fränkischen König Pippin III. um Hilfe im Kampf gegen die Langobarden. Gemeinsam siegten Papst und König über die Eindringlinge und Pippin schenkte dem Papst die von den Langobarden verlorenen Gebiete in Mittelitalien. Dies kann als Basis für den späteren Kirchenstaat angesehen werden.

Diese Schenkung Pippins wurde von Karl dem Grossen bestätigt.
Im Gegenzug wurde Karl der Grosse im Jahre 800 von Papst Leo III. zum Kaiser gekrönt. Diese wechselseitige Anerkennung und Abhängigkeit ist im Zusammenhang mit der Frage, ob Johannes Anglicus bzw. Papst Johannes VIII. eine verkappte Frau und somit Päpstin gewesen sei, von zentraler Bedeutung.

Petrus mit zwei Schlüsseln in der Asamkirche München
Petrus mit zwei Schlüsseln
Asamkirche München
Als erster Bischof von Rom wird der Apostel Petrus angesehen.
In der Kunst wird Petrus häufig mit einem Schlüssel dargestellt, gelegentlich auch mit zweien, wie in der Asamkirche in München. Der Schlüssel symbolisiert den Zugang zum Himmelreich.
Die Darstellung mit zwei Schlüsseln wird unterschiedlich interpretiert; eine Möglichkeit ist die Deutung als Schlüssel zum Himmelreich und als Schlüssel zum irdischen Reich.

Papstwahl und Papstkrone

Statue in St. Peter Detail
Statue der Päpstin? *

Im Frühmittelalter wurde der Papst vom Volk der Stadt Rom gewählt. Gewählt werden konnten örtliche Diakone und Priester.
Bischöfe hatten ihre Bischofssitze ausserhalb von Rom. Gemäss einer damals gültigen Regel des Konzils von Nicäa durften sie ihren Sitz nicht verlassen.
Dies führte dazu, dass besonders oft relativ junge Kardinal-Diakone zum Papst gewählt wurden.

Für das Verständnis der Zeit, in welcher Päpstin Johanna gelebt haben soll, sind diese Tatsachen sehr wichtig.
Das Liber Pontificalis des 9. Jahrhunderts berichtet von einem Diakon Johannes, der engster Mitarbeiter von Papst Bendikt III. gewesen und nach dessen Tod zum neuen Papst gewählt worden sei.

Die Wahl durch ein Konklave, also eine Versammlung in einem abgeschlossenen Raum, wurde erst im Laufe des 13. Jahrhunderts eingeführt. Und erst Ende des 14. Jahrhunderts wurde bestimmt, dass nur Kardinäle als Papst gewählt werden können.

Vorerst trug der Papst lediglich eine Haube mit einer Borte. Diese Verzierung wurde später zu einem Kronreif.
Gegen Ende des 13. Jahrhunderts kam ein zweiter Kronreif hinzu und vermutlich in der Zeit der Gegenpäpste in Avignon schliesslich der dritte.
Die Darstellung von Päpsten lässt häufig eine grobe zeitliche Einordnung ihres Wirkens anhand der Gestaltung der Papstkrone zu, auch wenn das Kunstwerk erst Jahrhunderte später geschaffen worden war.

* Anmerkung zum Bild:
Statue mit einer Frau im Papstgewand und mit Schlüssel. Aussenfront von St. Peter.
Offiziell soll entweder ein Papst aus dem Frühmittelalter oder aber die Personifikation der Kirche dargestellt sein.


Quellen

Karte Vertrag von Verdun 843: Christoph S., Wolpertinger [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Bild «Karolingische Bogenschützenreiter im Kampf mit Awaren»: Stuttgarter Psalter, frühes 9. Jhd. Gemeinfrei
Bild «Papstkappelle Sancta Sanctorum, Lateran»: Reicht angeblich bis ins 4. Jahrhundert zurück. Früher Hauskapelle des Papstes. Päpstin Johanna hat hier gebetet. © M. E. Habicht
Bild «Petrus-Satue»: Asam-Kirche in München. Gemeinfrei
Bild «Statue in St. Peter, vermutlich die Päpstin darstellend»: © M. E. Habicht