Päpstin Johanna ist eine Legende

Ansatz: Die Geschichte hat keinen realen Hintergrund

Platina als päpstlicher Bibliothekar
Bartolomeo Platina
Anfang des Rechnungsbuches

In der kanonischen Form wie sie heute bekannt ist, taucht die Geschichte von einer Päpstin Johanna erst im 13. Jahrhundert auf. Erzählt wird sie von Martin von Troppau (Martin Polonius).

Er berichtet von einem Papst Johannes, der gebürtiger Engländer gewesen und aus Mainz gekommen sei.
Über die Dauer des Pontifikates macht er auf den Tag genaue Angaben und hält fest, dass nach diesem Papst Johannes einen Monat lang kein Papst bestimmt worden war.
Zudem gibt er den Hinweis, dass dieser Johannes - es war Johannes VIII. in der ursprünglichen Zählung - eine Frau gewesen sein soll. Aus diesem Grund sei dieses Pontifikat auch nicht in die offzielle Aufstellung der Päpste aufgenommen worden; zudem weist er «auf die Niedertracht ihrer Handlungen» hin.

In den folgenden Jahrhunderten greifen zahlreiche Gelehrte und Chronisten die Geschichte auf.
Sie galt als historische Realität. Dies jedenfalls zeigen zahlreiche Texte und bildliche Darstellungen, auch von Personen wie etwas Giovanni Boccaccio, der über diese Tatsache keineswegs erfreut war.
Viele Autoren beriefen sich auf die Angaben von Martin von Troppau.
Dies ist der Ansatz der späteren Legendendeutungen.

Gründe für die Legendentheorie

Während mehreren Jahrhunderten bestand kein Zweifel an der Geschichte, dass einmal ein gewählter Papst in Wirklichkeit eine Frau gewesen sei. Dies ist den Quellen zu entnehmen.

Spätmittelalter

Im Spätmittelalter (ca. 1250 bis 1500) befand sich die Kirche teilweise in chaotischem Zustand: Es war die Zeit der Gegenpäpste.
Die wählenden Kardinäle wurden von verschiedenen Interessierten beeinflusst, sodass zeitweise zwei oder gar drei Päpste im Amt waren. In der Zeit von 1309 bis 1377 war auch Avignon ein Papstsitz. Sieben Päpste regierten von dort aus, ehe Papst Gregor XI. sich 1377 davon überzeugen liess, dass eine Rückkehr nach Rom angebracht wäre.

Die Gestalt eines weiblichen Papstes – der Päpstin Johanna – diente als rhetorische Figur, um indirekt Kritik an dieser unübersichtlichen Situation zu üben.
Durch diese Instrumentalisierung wurden die Informationen über ihre Person immer weniger sachlich.

Reformation

Ab 1517 gab es ernsthafte Bestrebungen, die Katholische Kirche zu erneuern (Martin Luther).
Diese Reformation führte aber zu einer Spaltung der Gläubigengemeinschaft in solche, welche eine Modifikation der Gepflogenheiten anstrebten (Protestanten) und solche, die dem Papst in Rom die Treue hielten.

Auch die Protestanten waren davon überzeugt, dass einmal eine Frau auf dem Papstthron sass.
In ihr sahen manche den Beweis für die Verderbtheit der Katholischen Kirche.

Teilweise äusserten sich publizierende Protestanten bei diesem Thema noch frauenfeindlicher als die katholischen Chronisten im Zusammenhang mit den Hexenverfolgungen.

Gegenreformation

Im Zuge dieser Entwicklung wurde eine allfällige Päpstin Johanna für die Katholische Kirche völlig untragbar. Man wollte den Protestanten diese scharfe Waffe der Kritik entziehen und die Debatte ein für allemal beenden.

Das Mittel dazu: die Päpstin Johanna wurde von nun an zur Legende, zu einer fiktiven Gestalt erklärt.

Manipulationen

Zu bedenken ist, dass der Buchdruck erst Mitte des 15. Jahrhunderts erfunden wurde. Handschriftliche Dokumente sind bis zu dieser Zeit die Zeugen. Interessante oder wichtige Texte wurden abgeschrieben, vorwiegend in Klöstern, denn Schreiben und Lesen waren keine allgemeinen Fertigkeiten.

Offensichtlich scheute man vor gar nichts zurück. Manuskripte «verschwanden», Seiten wurden herausgerissen, Neuausgaben mit der «korrigierten Wahrheit» wurden herausgegeben. - Kein Wunder ist die Übersicht schwierig geworden.

Bei Friedrich Spanheim sind die Kritiken der Protestanten zu finden. Sie beschuldigen die Katholische Kirche, die Geschichte zu fälschen.

Cover Pagine Strappate
Titelbild

Eindrücklich werden die Manipulationen im Falle der Chronik von Platina belegt:
Bartolomeo Platina (1421-1481) verfasste im Auftrag des Papstes eine Chronik der Päpste, die 1479 erstmals gedruckt wurde. Diese Aufstellung wurde sowohl von Katholiken als auch von Protestanten sehr geschätzt, das sie vor allem in der Darstellung der eigenen Zeit (Reformation) einen hohen Quellenwert hat.

Platina selbst erachtete die Geschichte um den weiblichen Papst als real, so wie zahlreiche Chronisten und Gelehrte vor ihm.
Er führte diesen Papst als Giovanni VIII. in seiner Liste auf.
In den späteren Ausgaben seiner Chronik - nach der Gegenreformation - gibt es diese Päpstin nicht mehr.
In der 2014 erschienen Studie (in italienischer Sprache) sind diese Vorkommnisse beschrieben. (1)

Etablierung der Legendentheorie

Die Säuberungen zeigten ihre Wirkung: Ab dem 18. Jahrhundert galt Päpstin Johanna allgemein als Fiktion beziehungsweise als «Literarische Figur».

Um ihre Geschiche als Legende darzustellen wurden verschiedene Argumente vorgebracht:
Päpstin Johanna wird als eine böswillige Erfindung der Protestanten abgetan
Die Geschichte von Johanna soll eine urbane Legende sein, die im 10. Jahrhundert in Rom entstanden war. In jener Zeit gingen Kurtisanen am Hof der Päpste ein und aus und übten die eigentliche Macht aus. Daher wird für diese Zeit auch der Begriff der Pornokratie verwendet. Unter den päpstlichen Huren soll auch eine Johanna gewesen sein, woraus schliesslich die Legende der Päpstin entstanden sein soll.


Offene Fragen

Päpstin Johanna. Weltchronik des Jan Enenkel
Päpstin Johanna.
Weltchronik des Jan Enenkel
Der ersten Argumentation für die Legendentheorie ist entgegenzuhalten, dass die Geschichte von einem weiblichen Papst über die Jahrhunderte vor der Reformation in zahlreichen Manuskripten belegt ist.

Für die zweite Behauptung (urbane Legende) gibt es keinerlei Beweise.

In beiden Fällen gibt es auch chronologische Probleme. Wenn die Legende zur Zeit der Pornokratie (940er Jahre) ihren Ursprung hat:
Warum datieren die frühesten Manuskripte mit noch heute nachweisbaren Manipulationen in die 870er Jahre?
Und warum verorten die Chronisten des Mittelalters die Päpstin meist in den 850er Jahren?

Dennoch wird heute von vielen Historikern und Theologen an der Legendentheorie festgehalten.
Die Figur der Johanna ist letztlich unerwünscht, da sie das noch immer geltende Dogma in Frage stellt: Frauen sind nicht zum Priesteramt berufen.


Quellen

(1) Pietro Ratto, Le Pagine Strappate. Casa Editrice Elmi's World, 2014 und im Internet

Bild «Buch von Platina»: Der Anfang des ersten Rechnungsbuches, das Platina als päpstlicher Bibliothekar schrieb (Autograph). Rom, Archivio di Stato, Camerale I, Biblioteca Apostolica Vaticana 1497, fol. 2r. Gemeinfrei
Bild «Päpstin Johanna»: Illustration in der Weltchronik des Jan Enenkel (Jans der Enikel). Passau (?), um 1420. Gemeinfrei