Die Münzen der Päpstin

Numismatik

Münzen von Päpsten des 9. Jahrhunderts eröffnen ausgesprochen interessante Ansätze der historischen Forschung.
Bei der neuesten Studie zur Päpstin Johanna (Habicht und Spycher, 2018) haben sie eine entscheidende Rolle gespielt.

Die Herrscher des Kirchenstaates konnten eigene Münzen prägen. Die Päpste waren im 9. Jahrhundert von ihren Schutzherren im Frankenreich abhängig. Sie liessen Münzen prägen, welche in Gewicht und Design den gebräuchlichen Deniers der Franken entsprachen.
Es handelt sich um sogenannte Kombinationsmünzen: Auf der einen Seite wurde das Monogramm des amtierenden Papstes sowie die Inschrift SCS PETRUS geprägt. Die andere Seite zeigte den Namen des jeweiligen Kaisers; ergänzt wurde dieser Namenszug durch das kaiserliche Monogramm oder aber durch das Monogramm der Stadt Rom.
Die Buchstaben sind in den Monogrammen oft verschlungen, die Schriftrichtung entspricht nicht unbedingt jener eines Textes.

Die Münzen jener Zeit zeigen keine Jahreszahl und können daher nur über den Stil sowie die Kombination der Namen von Papst und Kaiser in ein Zeitfenster eingeordnet werden.

Unter anderem sind die folgenden Kombinationsmünzen wichtig für die zweite Hälfte des 9. Jahrhunderts:


Papst Leo IV. und Kaiser Lothar I.

Papst Leo IV. und Kaiser Lothar I.
Monogramm von Papst Leo IV. mit Nameszug und Monogramm von Kaiser Lothar

Die Monogramme spielen eine zentrale Rolle. Da einige Päpste den selben Namen führten, hatte das Monogramm jeweils unterschiedlich zu sein.
Die Signaturen von Papst Leo III. (Monogramm LEO P) und Leo IV. (LEO PA) unterscheiden sich lediglich durch das A im Zusatz PAPA.
Derartige Nuancen sind von entscheidender Bedeutung für die zeitliche Zuordnung.

Hier eine Münze mit dem Monogramm von Papst Leo IV. in Kombination mit dem Namenszug von Kaiser Lothar. In der Waagrechten die Buchstaben LEO und in der Senkrechten PA.
Auf der anderen Seite im Zentrum das Monogramm von Lothar I. , aussen herum sein Name HLOTHARIUS.

Andere Kombinationsmünzen mit Lothar I. tragen das Monogramm von Papst Benedikt III. Die Münzen sind sowohl im Bestimmungswerk CNI von 1934 gelistet als auch bei Berman 1993 zitiert und gelten als echt.

Historiker, welche die Legendentheorie unterstützen, sehen dies als Beweis, dass der direkte Nachfolger von Leo IV. keinesfalls Johanna sein kann, sondern dass Benedikt III. der direkte Nachfolger von Leo IV. sein muss. Dies ist korrekt.
Erstaunlich aber, dass eine solche Kombination überhaupt existiert: Kaiser Lothar I. hatte im Frühsommer 855 zugunsten seines Sohnes Ludwig II. abgedankt und war am 29. September 855 im Kloster Prün verstorben.
Gemäss offizieller Papstchronologie wurde Benedikt III. exakt an diesem Tag, am 29. September 855, in Rom zum Papst gewählt. Er dürfte erst Ende Oktober inthronisiert worden sein.
Somit «dürfte» es solche Münzen gar nicht geben. - Offensichtlich war Benedikt III. bereits früher Papst, da Leo IV. nur bis 853 sicher bezeugt ist.


Papst Benedikt III. und Kaiser Ludwig II.

Papst Benedikt III. und Kaiser Ludwig II.
Kombinationsmünze von Papst Benedikt III. und Ludwig II.

Im Zentrum auf der einen Seite das Monogramm des Papstes, bestehend aus den Buchstaben BENED und dem Zusatz PA. Aussen herum die Inschrift SCS PETRVS
Auf der anderen Seite im Zentrum das Monogramm des Kaisers und aussenherum sein Namenszug HLVDOVVICVS IMP.

Ludwig II. hat die Kaiserkrone erst im Sommer 855 geerbt. Diese Münzen können demnach nicht vor Sommer 855 datieren.
Sie bezeugen, dass Benedikt III. der direkte Nachfolger von Leo IV. war.
Vermutlich hatte er das Papstamt bis Ende 855 inne.


Papst Johannes und Kaiser Ludwig

Papst Johannes und Kaiser Ludwig II.
Kombinationsmünze von Papst Johannes und Ludwig II.

Diese Kombinationsmünze ist vermutlich Papst Johannes VIII. oder besser: Päpstin Johanna zuzuweisen.
Stilistisch gehört sie aufgrund der Gestaltung und der Buchstabenformen eindeutig in die zweite Hälfte der 850er Jahre.
Im Zentrum das schlicht wirkende Monogramm mit den kunstvoll kombinierten Buchstaben IHANI in der Waagrechten sowie S und O in der Senkrechten, umgeben vom Schriftzug SCS PETRUS.
Das Monogramm ist mit den geradlinigen Buchstaben auf einem Quadrat aufgebaut. Alle Buchstaben weisen einen Mittelsteg auf, sodass sie eine betonte Dreidimensionalität erhalten. Wichtig ist auch - im Unterschied zum Monogramm eines späteren Johannes - die Anordnung von S und O.

Die Rückseite nennt Kaiser Ludwig II. (LVDOVVICUS IMP), im Zentrum steht das Monogramm der Stadt Rom (ROMA). Offenbar hielt sich der neue Kaiser in Rom auf. Der Chronist Botho berichtet über die sakrale Kaiserkrönung durch Papst Johannes.
Wir sind somit im Besitz von Münzen der Päpstin und ihres Monogrammes in effektiv zeitgenössischen Objekten. Ein ausserordentlich deutlicher Hinweis, dass Johanna - die Päpstin, Johannes Anglicus, Johannes VIII. - eine historische Gestalt ist!
Manuskripte konnten von Interessierten manipuliert werden. Es gab im Frühmittelalter nur wenige Bücher, Schrift und Buchproduktion waren faktisch monopolisiert von der Kirche.
Die Münzen hingegen wurden in grosser Zahl geprägt und es war nicht möglich, die gesamte Anzahl vollständig aus der Zirkulation zu nehmen.

Weil viele Numismatiker die Päpstin als Legende betrachten und fiktive Personen ja kein Prägerecht für Münzen hatten, wurden diese Münzen dem späteren Johannes VIII. (Pontifikat 872-882) zugewiesen. Dies, obwohl dieser Papst ein anderes Monogramm benutzte.


Papst Johannes VIII. und Kaiser Karl II. der Kahle

Papst Johannes und Kaiser Karl II. der Kahle
Kombinationsmünze von Papst Johannes VIII. und Karl II. der Kahle

Im Zentrum das Monogramm, welches sich stark an das frühere anlehnt. Die geradlinigen Buchstaben IHANI in der Waagrechten bilden jedoch ein Rechteck. S und O stehen in der Senkrechten, jedoch in anderer Anordnung. Zudem wirkt der Stil insgesamt feiner und lockerer, die plastische Wirkung fehlt vollkommen.
Um das Papstmonogramm herum der Namenszug KAROLUS IMP.

Die Rückseite zeigt ein Männerportrait sowie die Inschrift SCS PETRVS.

Karl der Kahle hatte die Kaiserwürde 875 von Ludwig II. geerbt. Die Münze kann demnach nicht vor 875 datieren und zeigt somit das Monogramm des neuen Papstes Johannes VIII. Die Päpstin, welche sich Johannes VIII. nannte, wurde gemäss schriftlichen Quellen aus der Papstliste entfernt, weshalb der nächste Papst mit dem Namen Johannes ebenfalls Johannes VIII. war. Eine Quelle von Missverständnissen oder auch von gewollten Verwechslungen.

Die Münzen belegen somit die Pontifikate in dieser Abfolge:

Leo IV. mit Lothar I.
Benedikt III. mit Lothar I. (854-855); nicht abgebildet
Benedikt III. mit Ludwig II. (855)
Johanna als Johannes Anglicus mit Ludwig II. (856 und später bis ca. 858)
Nikolaus I. mit Ludwig II. (ab 858/59); nicht abgebildet
und später Johannes VIII. mit Karl II. dem Kahlen


Quintessenz

Textquellen und Abfolge der Münzen bestätigen sich gegenseitig und bezeugen, dass es einen weiblichen Papst - die Päpstin Johanna - gegeben hat.